Das eigene Konsumverhalten realistisch einschätzen: ein Blick ohne Beschönigung

Bevor sich etwas ändern kann, muss klar sein, was war. Das klingt banal, ist aber der Punkt, an dem die meisten Aufarbeitungen stecken bleiben. Fast niemand hat ein zutreffendes Bild vom eigenen früheren Konsum, und das liegt selten an Unehrlichkeit. Gewohnheiten werden nicht mehr bemerkt, Mengen verschwimmen, und Erinnerungen ordnen sich so, dass sie zum Selbstbild passen. Der ehrliche Blick zurück ist deshalb Arbeit, nicht Erinnerung, und er ist der Anfang von allem Weiteren.
Warum das Gedächtnis nicht hilft
Wer gefragt wird, wie viel er früher getrunken oder konsumiert hat, antwortet aus der Erinnerung, und die Erinnerung glättet. Sie erinnert die typische Woche, nicht die schwierige. Sie erinnert den Anlass, nicht die Regelmäßigkeit. Und sie blendet aus, was nicht ins Bild passt, ohne dass man es bemerkt.
Dazu kommt ein zweiter Effekt: Gewohnheit macht blind. Was jeden Abend geschieht, ist irgendwann kein Ereignis mehr und wird nicht mehr abgespeichert. Deshalb schätzen viele Menschen ihren eigenen früheren Konsum deutlich niedriger ein, als er tatsächlich war, und geraten dann im Gespräch in Erklärungsnot, wenn Befunde oder Aktenlage etwas anderes nahelegen.
Ein dritter Effekt kommt hinzu: der Vergleich. Fast jeder kennt jemanden, der mehr konsumiert hat, und dieser Vergleich beruhigt. Er sagt aber nichts über die eigene Lage aus. Der Maßstab ist nicht der Bekanntenkreis, sondern die Frage, welche Rolle das Ganze im eigenen Leben gespielt hat.
Der Weg über die Beobachtung
Wirksamer als Schätzen ist Aufschreiben. Wer über eine gewisse Zeit notiert, was, wann, mit wem und in welcher Situation geschieht, bekommt ein Bild, das nicht von der Erinnerung geglättet ist. Interessant sind dabei weniger die Mengen als die Muster.
- zu welchen Tageszeiten und in welchen Situationen es geschieht
- welche Stimmung vorher da war
- ob allein oder in Gesellschaft
- was danach anders war als vorher
- an welchen Tagen es gar nicht vorkam und was diese Tage unterschied
Der letzte Punkt ist oft der aufschlussreichste. Die Ausnahmen erklären die Regel. Wenn an bestimmten Tagen nichts geschah, gab es dafür einen Grund, und dieser Grund ist ein Hinweis auf das, was die Gewohnheit trug.
Die Frage nach der Funktion
Ist das Bild einmal da, folgt die eigentliche Frage: Was hat es geleistet? Verhalten, das jemand über Jahre beibehält, tut etwas für ihn, sonst würde er es lassen. Entspannung nach einem harten Tag, Anschluss an eine Gruppe, Betäubung von etwas Unangenehmem, Schlaf, Ordnung im Ablauf, ein Gefühl von Belohnung. Wer diese Funktion benennen kann, weiß, was ersetzt werden muss. Wer sie nicht benennen kann, verzichtet ins Leere, und ein Verzicht ohne Ersatz hält selten.
Diese Frage ist unangenehm, weil sie zugibt, dass etwas nützlich war, das Schaden angerichtet hat. Genau deshalb wird sie oft übersprungen. Sie ist dennoch der Kern.
Und sie hat eine praktische Folge. Wer weiß, dass der Feierabend früher die Entspannung gebraucht hat, kann sich fragen, woher diese Entspannung heute kommt. Wenn die Antwort lautet: von nirgendwo, dann ist die Umstellung ungeschützt, ganz gleich wie fest der Vorsatz ist. Eine Lücke, die nicht gefüllt wird, bleibt eine Lücke.
Wenn das Bild erschrickt
Manchmal führt die ehrliche Rückschau zu einer Erkenntnis, die niemand sucht: Es war mehr, als man dachte, und es war länger, als man zugeben wollte. Das ist ein schwerer Moment, und er ist zugleich der wertvollste im ganzen Prozess. Er ist auch der Punkt, an dem zu klären ist, ob die eigene Kraft reicht oder ob fachliche Hilfe gebraucht wird. Wenn sich zeigt, dass der Konsum nicht mehr Ihrer Entscheidung folgt, dass frühere Versuche des Aufhörens gescheitert sind oder dass beim Absetzen körperliche Beschwerden auftreten, gehört das in ärztliche Hände. Suchtberatungsstellen, die Hausarztpraxis und Fachambulanzen sind dafür da.
Diesen Schritt zu gehen, ist kein Rückschlag im Verfahren. Es ist der einzige Weg, der trägt, wenn die Lage danach ist.
Fazit
Ohne ein zutreffendes Bild der Vergangenheit gibt es keine tragfähige Veränderung. Verlassen Sie sich nicht auf die Erinnerung, sondern beobachten Sie, schreiben Sie auf, und suchen Sie nach den Mustern und der Funktion dahinter. Wenn dabei mehr sichtbar wird, als Sie erwartet haben, ist das kein Grund für Scham, sondern der Anlass, sich Hilfe zu holen.